Keine Glosse: Chemnitz verwildert!

Die durch Stadtumbau und Eingemeindungen seit Anfang der 1990er Jahre deutlich gewachsene Fläche an kommunalem Stadtgrün kann nur noch über eine "Mindestabsicherung" einigermaßen in Schuss gehalten werden.
Das geht aus dem Grünanlagen-Bericht der Stadtverwaltung hervor, den Baubürgermeisterin Petra Wesseler in der vergangenen Woche dem Stadtrat vorgelegt hat.
Der Bericht fasst die zum Teil dramatische Entwicklung der vergangenen Jahre zusammen. So ist in dem Bericht zu lesen, dass mehr als ein Drittel der gesamten Grünfläche in Chemnitz mittlerweile "nicht mehr planmäßig unterhalten werden kann.? Für die nahe Zukunft werde sich das Bild kaum ändern, heißt es in dem Bericht. Der Trend des Flächenzuwachses werde sich fortsetzen, ebenso die gegenläufige Entwicklung zwischen Flächenbilanz und Bevölkerungsentwicklung.

Ist Chemnitz mit dieser Entwicklung die Stadt der Moderne?
Unlängst hatten Politiker gefordert ganze Regionen einfach der Natur und der Verwilderung zu überlassen. Chemnitz scheint diesem Hinweis gefolgt zu sein. War es nicht das Konzept der Stadt in folge des Stadtumbaus mehr Grün in zusammenhängenden Grüngürteln in die Stadt zu bringen? Und nun die Kapitulation der Verwaltung vor der wuchernden Wildnis in der sächsischen Großstadt. Der Grünanlage ? Verwilderungsbericht ist Kapitulationsurkunde jeglicher vernünftigen städtebaulichen Entwicklung. Die Städte sollten von außen nach innen schrumpfen, die Innenstädte sollten aufgewertet und attraktiver werden und vor allem kompakt bleiben. Und nun breitet sich innerstädtische Wildnis aus. Die vielen ?planmäßigen? abgerissenen Gebäude in der Innenstadt haben Brachflächen hinterlassen und die Natur holt sich nun zurück was ihr einst von den Altvorderen mühevoll abgerungen wurde. War das nicht die Vision der ?Baubürgermeisterin?? Allerdings, sie hatte in ihren Präsentationen zum Stadtumbau der ?grünen Stadt? Chemnitz noch die einen oder andere Palme hineingemalt. Nun sind es doch bloß Disteln und Unkraut geworden.

Schade. Sollte man in dieser Notsituation nicht mal über den Gartenzaun schauen? ?Kommunale Landwirtschaft auf Brachen in Detroit,? heißt der Lösungsansatz. Die Stadt Detroit verlor in den letzten 50 Jahren die Hälfte ihrer Einwohner. Ein Drittel des Detroiter Stadtgebietes besteht heute aus Ruinen und Brachen. Diese nutzen die Bewohner inzwischen zunehmend wie vor der industriellen Revolution: als Ackerland. Knapp hundert kommunale Landbaubetriebe stellen mitten in der ehemaligen Industriemetropole vor allem Gemüse zur direkten Vermarktung an den Verbraucher her ? oft biologisch erzeugt, nachhaltig, energetisch günstig und gesund. Die kommunalen Gärten haben sich bewährt: Sie verbinden Nachbarn und schaffen Gemeinschaft, sie versorgen kostengünstig Arme mit hochwertiger Nahrung und sie helfen Verbrechen zu verhüten.

Das wäre die Lösung! Doch keine Angst, auch die Disteln können im nächsten Frühjahr den Eindruck blühender Landschaften vermitteln. Die stadtplanerischen Fehler für Chemnitz sind allerdings nicht wieder rückgängig zu machen.

Th. Ungethüm
Haus & Grund Sachsen


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