"Alte Stadt - Neue Stadt": Eine Podiumsdiskussion bei der Leipziger Wohnungs ?und Baugesellschaft (LWB)

Keine Frage Leipzig ist schön geworden. Die zentrale Innenstadt mit ihren Passagen strahlt in einem Glanz, der zu Ostzeiten nicht ansatzweise so zu erahnen war. Aber da gibt es auch Abbruch von schönen Fassaden, von historischer stadtbildprägender Bausubstanz, die von der Bürgerschaft nicht hingenommen wird. Demonstrationen vor den Abbruchhäusern und Unterschriftensammlungen sind die Folge. Ausgemacht sind die Schuldigen schnell. Die LWB! Eigentümer von Zehntausenden Plattenbauwohnungen und auch Tausenden Altbauhäusern verschiedenster Bauepochen. Sind dies Einzelfälle einer nicht mehr zu rettenden Bausubstanz oder verantwortungsloser Umgang eines kommunalen Unternehmens mit dem historischen Erbe?

In diesem Spannungsfeld der ?Vorwurf? an die Journalisten, Dr. Dankwart Guratzsch Korrespondent Architektur/Städtebau der Zeitschrift ?DIE WELT? und Herrn Dr. Bartezko Architekturkritiker der ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung,? in ihren Artikeln über den Stadtumbau in Leipzig die LWB in ein falsches Licht zu rücken und die großen Anstrengungen des kommunalen Unternehmens bei der Erhaltung der zum Teil denkmalgeschützten Strukturen zu verkennen.

Leipzigs Baubürgermeister Herr Martin zur Nedden forderte Verständnis angesichts der 40 tausend leerstehenden Wohnungen in Leipzig, die natürlich Auswirkung auf die Miethöhe und auch den Standort haben. Der Mieter kann es sich aussuchen, wo er wohnen und wie viel Miete er zahlen will. Er machte deutlich, dass die ?perforierte Stadt?, dass städtebauliches Leitbild der 60er und 70er Jahre, die sein Vorgänger noch als ?Leitbild? des städtebaulichen Umbruchs gepriesen hat, nicht sein Konzept sei. Martin zur Nedden schränkte jedoch gleichzeitig ein, dass die Probleme zu stark verdichteter Gründerzeitviertel durch Rückbau behoben werden müssen. Diese Auffassung wurde von den Architekturkritikern nicht unwidersprochen hingenommen. In vergleichbaren Quartieren in Städten der alten Bundesländer ist zu sehen, dass sich gerade dort ein pulsierendes Leben eingestellt hat.
Dankwart Guratzsch sagte, dass es eine leidvolle Erfahrung war mitzuerleben, wie Stadtteile durch perforierten Rückbau fast planmäßig vernichtet wurden. ?Es hat sich gezeigt, dass gerade die hohe Dichte ein Argument für die Lebendigkeit ist. Die aufgelockerten Stadtteile mit Luft, Licht und Grün funktionieren viel schlechter, auch im Bezug auf die zu großen Infrastrukturen unter der Erde.? Er mahnte, dass man gerade im Hinblick des weiter ansteigenden Leerstandes genau überlegen muss, wo man abreißt.
Das Problem ?kleinreden? wollte der neue Geschäftsführer der LWB Herr Stubbe. ?Schließlich kann es nicht verwerflich sein, dass die LWB schon 4000Wohnungen abgebrochen hat. Die aktuelle öffentliche Diskussion entzünde sich lediglich am Abriss von zwei Häusern.?

Verwerflich ist der Abriss von bisher 4000 Wohnungen nicht. Es sind jedoch nur 4000 Wohnungen von der LWB abgebrochen worden. Wegen falscher Konzepte hat die LWB über Jahre nur zögerlich vom Rückbau Gebrauch gemacht. Erinnert werden muss an das Konzept der LWB zur Olympiabewerbung Leipzigs. Zusammen mit einigen Wohnungsgenossenschaften wollte man 14 000 leerstehende Plattenbauwohnungen auf Staatskosten sanieren um Berichterstattern, dem Olympiatross und Besuchern für wenige Wochen zur Verfügung zu stellen. Die Folgen für den Leipziger Wohnungsmarkt wären nicht auszudenken gewesen.
Kaum zwei Monate nachdem die Olympiabewerbung abgelehnt war hatte der damalige GF der LWB Beck einen neue Idee. Er kündigte, erstmals in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, an, dass sein Unternehmen 12 000 unsanierte Wohnungen für mögliche "Hartz-IV-Opfer" bereithalte, für etwa 3 Euro Kaltmiete je Quadratmeter: "Wir sind ganz froh, dass wir noch nicht alles saniert oder abgerissen haben, sondern den Leuten auch in diesen Preislagen etwas anbieten können,? verkündete Beck die neue Strategie des Unternehmens.
Durch diese ?Sandkastenspiele? hat die LWB viel Zeit für den Rückbau verloren!

Thema an diesem Abend war auch das für und wieder der Plattenbauten. ?Jedes Wohnen hat seine Freunde,? so die Moderatorin vom MDR Frau Rose.
Dr. Bartezko wollte der Platte wenig Tränen nachweinen. ?Wenn alles so gebaut worden wäre, wie geplant war,?. aber so sind nur ?Wohnsilos entstanden.? Nach Meinung des Geschäftsführers der LWB, wird die ?Ost-Platte? in einem Maße schlechtgeredet, die er nicht verstehen kann. Dem wurde von den Journalisten entgegengehalten, dass dies ein Ostkomplex sei, zu meinen nur die ?Platte? im Osten sei schlecht. Großsiedlungen stehen auch im Westen in der gleichen kritischen Auseinandersetzung. Es ist eben nicht so, dass die Journalisten die Stadtteile verteufeln, sondern die Leute stimmen mit den Füßen über diese Wohnform ab. Der Baubürgermeister gab zu bedenken, dass momentan in diesem Segment eine steigende Nachfrage, wegen der vielen Hartz IV Bezieher, zu verzeichnen ist.

Dazu ist anzumerken, dass offenbar diejenigen bleiben wollen, die schon sehr lange dort leben. Zuzug erfolgt kaum noch und wenn, dann wird er durch externe Umstände (meist sozialer Art) erforderlich.

Einig war man sich, angesichts des Leerstandes und der demographischen Entwicklung, in größerem Umfang keine weiteren Baugebiete auszuweisen. Einigkeit auch in der von Herrn Dr. Guratzsch angesprochen mangelhaften Aufwertung im sächsischen Stadtumbau. Sachsen verwendet derzeit 80% der Fördermittel für den Rückbau und nur 20% für Aufwertung. Martin zur Nedden pflichtete ihm bei. ?Hier ist der Freistaat in der Pflicht, hier muss mehr getan werden.?

Was hat die Diskussion gebracht?


?Mein Leipzig lobe ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.? So das berühmte Zitat, dass auch für diesen Abend herhalten muss. Klein Paris, aber ja, das zeigt der Bürgerprotest der bei jedem Abriss, wie z.B. der Funkenburg, aufflammt. Und bildet seine Leute? auch dann, wenn die Diskussion in der ?Höhle des Löwen? durchgeführt wurde. Jeder hat wohl etwas mitgenommen und das im positiven Sinne des Wortes.

Baubürgermeister zur Nedden und das kommunale Unternehmen LWB haben die Grenzen des Umgangs mit dem städtebaulichen Erbe Leipzigs erkannt und werden wohl künftig behutsamer damit umgehen. Das Thema ?Pro und Kontra Platte? bleibt im Spannungsfeld, schon wegen der hohen Akzeptanz der dort wohnenden Älteren. Dies kann jedoch nicht entschuldigen Altbaubestände zu vernachlässigen, nur weil dort die Sanierungskosten doppelt so hoch sind. Zieht man das hohe Durchschnittsalter der Bewohner in Betracht, ist keine Nachhaltigkeit der aufgewendeten Mittel gegeben. Für Aufwertung kann in der Abwägung nur gelten, welche Bestände langfristig Nachfrage haben.

Hartz IV Betroffene suchen nicht ausschließlich diese Wohnform, was städtischerseits, durch gezielte Steuerung, unweigerlich zur Ghettoisierung dieser Gebiete führen würde. Hartz IV Betroffene wohnen auch bei privaten Vermietern. Schließlich ist eine geringe Miete besser als gar keine.
Dank gilt nicht nur den Bürgern die für ihre Stadt auf die Straße gehen, sondern auch den Journalisten der FAZ und der WELT, die sich der Diskussion gestellt und mit ihren Artikeln aufgerüttelt und den Blick auf die Probleme dieser einzigartigen Stadt gerichtet haben.

Dr. Thomas Ungethüm
Präsident
Haus & Grund Sachsen



 

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